Der digitale Goldrausch hat nun auch das Herz unserer Demokratie erreicht: die politische Vorhersage. Während einige Plattformen noch mit einem gewissen wissenschaftlichen Ernst versuchen, Schweizer Abstimmungsresultate am Abstimmungstag selbst mittels Machine Learning zu entschlüsseln, vollzieht die Branche gerade einen viel radikaleren Kurswechsel in Richtung Spielbank, Gambling und Wetten.
Die jüngste Ankündigung des Branchenriesen FiscalNote, massiv in politische Prognosemärkte einzusteigen, ist das Sankt-Elms-Feuer einer gefährlichen Entwicklung. So wie nach dem blauvioletten Hochspannungsleuchten der Blitz einschlägt, so hat ursprünglich als „Policy Intelligence“ begonnen, was nun auf Plattformen wie Polymarket oder Kalshi landet: Politik wird zur Assetklasse, das Parlament zum Casino, die Public-Affairs-Arena zum Wettbüro. Doch hinter der glänzenden Fassade aus Big Data und Echtzeit-Quoten verbirgt sich ein fundamentaler Irrtum über das Wesen des Politischen: Die Illusion der Berechenbarkeit.
Prediction Markets funktionieren etwas anders als klassische Wettplattformen. Nutzer platzieren so genannte Trades. Diese Trades sind, ähnlich wie Optionen, Wetten auf ein bestimmtes Ergebnis in der Zukunft. Während sich Optionen auf einen Basiswert, bspw. eine Aktie oder einen Aktienindex, beziehen, können Trades auf Predictions Markets beinahe jedes denkbare zukünftige Ereignis zum Inhalt haben.
Polymarket und Kalshi stehen für zwei unterschiedliche Modelle von Prognosemärkten: Polymarket als global zugänglicher, dezentraler Onchain‑Marktplatz für schnelle, kryptobasierte Eventwetten; Kalshi als streng regulierte US‑Börse, die verifizierten und regelgebundenen Handel mit Ereignisverträgen ermöglicht.
Alle Versprechen von „Predictive Governance“ klingen verlockend simpel. Wer die Daten hat, beherrscht die Zukunft. Doch im Bereich Public Affairs, Policy und Regulatory stoßen Algorithmen an eine unüberwindbare Mauer: den Kompromiss.
Politik ist kein physikalisches System, das linearen Regeln folgt. Ein Gesetzgebungsprozess gleicht viel eher einem Basar als einem Schweizer Uhrwerk. Jahrzehntelange Forschungen zur politischen Prognose, darunter auch die Arbeiten von Philip Tetlock, zeigen, dass die Vorhersagegenauigkeit in komplexen, sich schnell verändernden Umgebungen drastisch abnimmt und Experten oft nicht besser abschneiden als der Zufall. Hochgradige Komplexität führt in der Regel zu geringerer Prognosegenauigkeit. Genau diese Bedingungen sind für legislative Verhandlungen und Regulierungsgespräche charakteristisch.
Ein Kompromiss ist in der Forschung oft eine „schmerzhafte Anpassung“, die erst unter maximalem Druck entsteht. Er ist das Ergebnis von Hinterzimmergesprächen, persönlichen Befindlichkeiten, Emotionen, kurzfristigen „Bauernopfern“ und “Zückerchen”, ja widerwärtigen Deals, die allesamt in keinem Datensatz der Welt auftauchen. Politikwissenschaftliche Forschung beschreibt Politik als einen Prozess der Konfliktlösung, der von subjektiven Wahrnehmungen, Machtlogiken und situativen Dynamiken geprägt ist. Selbst Finanzanalysten, die gewohnt sind, Risiken zu quantifizieren, räumen ein, dass politisches Risiko sich ihrer Modellwelt entzieht: Politik folgt nicht der Logik der Profitmaximierung, sondern der Logik des Machterhalts, der Gesichtswahrung und des situativen Deals.
Zugespitzt formuliert: Ein politischer Kompromiss ist kein Datenpunkt. Er ist ein kreativer Akt, der aus einer einmaligen Konstellation entsteht, um eine Blockade zu lösen. Algorithmen hingegen können Interessen aggregieren, aber keine dritten Wege erfinden. Vorhersagen sind oft nur lineare Fortschreibungen der Vergangenheit – während Politik von nicht-linearen Brüchen lebt, vom plötzlichen Moment, in dem ein Deal möglich wird. Genau dieser Moment entzieht sich jeder algorithmischen Logik. Wie es eben schon Niels Bohr auf den Punkt brachte: “Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.”
Der Physik-„Glitch“ in der Vorhersage-Matrix
Wissenschaftliche Analysen, unter anderem der ETH Zürich, zeigen zwei zentrale Fallstricke auf, die jede Prognose zur Makulatur machen können:
- Reflexivität. Jegliche Vorhersagen sind in der Politik niemals neutral. Wenn ein Modell prophezeit, dass eine Regulierung scheitert, ändern die Akteure sofort ihre Strategie. Die Prognose selbst wird zur Waffe im Arsenal der Lobbyisten und verändert das Ergebnis, das sie eigentlich vorerst nur beobachten wollten. In Wahrheit ist das nichts anderes als die Heisenbergsche Unschärferelation der Macht: Wer misst, macht schon mit. Der Versuch, politische Dynamiken zu fixieren, verschiebt sie wie ein Laserstrahl, der die Teilchenordnung zerstört, die er sichtbar machen will. Um es mit Schrödingers Katze zu sagen: Solange die Prognose nicht publiziert ist, existieren mehrere politische Realitäten gleichzeitig: Erst die Veröffentlichung zwingt das System in einen Zustand, oft in genau jenen, den die Prognose erst heraufbeschworen hat. Auch das Doppelspaltexperiment lässt sich auf die Demokratie übertragen: Solange niemand hinschaut, interferieren Positionen, Koalitionen, Narrative frei. Doch sobald ein Prognose‑Detektor aufgestellt wird, kollabiert das Muster. Die Akteure verhalten sich nicht mehr wie Wellen, sondern wie Partikel: berechenbar, taktisch, eindimensional.
Luhmann hätte seine helle Freude: Politik reagiert nicht auf Fakten, sondern auf Beobachtungen über Beobachtungen. Eine Prognose ist kein Blick in die Zukunft, sondern eine Intervention ins Erwartungsgefüge. Sie erzeugt Erwartungen über Erwartungen – und damit genau jene Realität, die sie zu beschreiben vorgibt.
- Ungewissheit vs. Risiko. Klar sind Algorithmen exzellent darin, Risiken (anders formuliert: vermeintlich berechenbare Wahrscheinlichkeiten auf Basis der Vergangenheit) zu kalkulieren. Politik operiert jedoch im Raum der Ungewissheit. Das Unvorhersehbare – der „Schwarze Schwan“ einer Verhandlung – lässt sich nicht algorithmisieren.
Die Gamifizierung des Gemeinwohls
Der Trend zu Plattformen wie Polymarket und der Einstieg von FiscalNote in diesen Bereich markieren eine Zäsur. Wenn man Politik in Wettmärkte übersetzt, wenn also die Analysten zu Buchmachern werden, behauptet man, dass die hochgelobte „Wisdom of the Crowd“, die “Schwarmintelligenz” (oder vielleicht dann eher doch nur das Kapital der Spekulanten) die Wahrheit ans Licht bringt.
Die negativen Auswirkungen dieses „Gambling“-Ansatzes auf Demokratie und Politik sind imminent, etwa durch Narrativ-Manipulation: Auf Prognosemärkten können Großinvestoren („Whales“) Quoten gezielt manipulieren, um künstliche Narrative über ein angebliches Momentum für Kandidaten oder Gesetze zu erzeugen. Schlicht perverse Anreize entstehen, wenn Akteure finanziell vom Scheitern einer Reform oder dem Eintritt politischer Katastrophen profitieren können. Der Fokus verschiebt sich von der Problemlösung hin zur Profitabilität des Desasters.
Wenn Wetten zur den primären Informationsquelle für politische Strategien werden, riskieren wir eine totale Entpolitisierung. Wir hören auf, über Inhalte zu debattieren, und fangen an, über Quoten zu taktieren. Dies untergräbt den demokratischen Diskurs. Der Versuch einer „Predictive Governance“ zielt darauf ab, Politik algorithmisch steuerbar zu machen und entzieht ihr dabei das Wesentliche: die Debatte, den Streit, den Kompromiss. Eine Demokratie, die nur noch das Unausweichliche und Vorhersehbare exekutiert, verliert ihre Innovationskraft, da der Fokus auf wahrscheinliche Mehrheiten echte Innovation erstickt.
Doch hier droht ein „Glitch“, der an die Fehlbewertungen im Tech-Sektor erinnert, wo durch simples Publizieren von Prompts Börsenwerte in der Höhe des BIP von Finnland oder Griechenland vernichtet wurden. Wir laufen Gefahr, Datenpunkte, Kennzahlen und lineare, Modelle mit politischer Realität zu verwechseln. Prognosemärkte monetarisieren letztlich nur die Volatilität der Ungewissheit, statt Wahrheit zu finden. Sie stellen die ultimative Gamifizierung des Gemeinwohls dar.
Politik ist die Kunst des Unwahrscheinlichen
Otto von Bismarck, deutscher Reichskanzler im 19. Jahrhundert, vertrat mit seinem berühmten Ausspruch („Politik ist die Kunst des Möglichen, des Erreichbaren, die Kunst des Zweitbesten“) die (realpolitische) Ansicht, dass Politik eher ein praktisches, realistisches und oft vorsichtiges Handwerk als eine exakte Wissenschaft sei. Und so erscheint ein echter politischer Durchbruch fast immer das Unwahrscheinliche.
Denn zur unschönen Wahrheit von Politik und der Organisation von Macht und Einfluss gehört damit ein neuer Mut zur Unplanbarkeit. Wir müssen akzeptieren, dass Politik ein „Dirty Business“ bleibt, nicht im moralischen Sinne, sondern im Sinne einer produktiven Unordnung. Wer behauptet, Politik berechnen und vorhersagen zu können, verkennt ihr Wesen. Sie ist kein Problem, das gelöst, sondern ein Prozess, der ausgehandelt werden muss. Und jedenfalls nicht verzockt werden darf.
Für Polit-Profis bedeutet das: Daten sind ein nützlicher Kompass, aber sie sind nicht die Landkarte. Es braucht die tiefe Integration von Menschen und proprietären Daten und deterministischen Workflows, um Impact, also Erfolg, ja, auch kommerziellen Erfolg zu erzeugen. Am Ende des Tages wird die Zukunft nicht in einem Rechenzentrum in Schaffhausen oder auf einer Wettbörse in New York entschieden, sondern in dem unvorhersehbaren Moment, in dem sich zwei Gegner die Hand reichen und etwas Drittes, völlig Neues erschaffen. Und genau das ist die gute Nachricht für die Demokratie.